Warum wir die Komplexität nicht ignorieren können – auch wenn unser Reptiliengehirn das möchte

In unserem zweiten Newsletter haben wir das Thema Komplexität vorgestellt und erklärt, warum Unternehmen der Versuchung widerstehen müssen, sich vor ihr zu verstecken oder sie zu fürchten. 

Bei komplexen Geschäftsentscheidungen spielen mehrere Faktoren eine Rolle, die auf nicht lineare und manchmal mehrdeutige oder widersprüchliche Weise dynamisch zusammenwirken. Dazu gehören Stakeholder innerhalb einer Organisation sowie externe Akteure und Einflüsse. Oder auch technologische, revolutionäre Entwicklungen wie ChatGPT oder andere KI-Technologien. Oft wird erst im Nachhinein deutlich, wie komplex ein Sachverhalt ist. Beispielsweise sind systemische ESG-Themen in der Regel zu groß und zu weitreichend, um die genauen Auswirkungen einer einzelnen Entscheidung oder Handlung zu erfassen.

Manche Themen sind unverkennbar harte Faktoren. Der Klimawandel, die Auswirkungen der Pandemie, Ressourcenknappheit, ein globaler wirtschaftlicher Abschwung und die daraus resultierenden Wellen der Wirtschaftsmigration – sie alle haben immense soziale Auswirkungen darauf, wie wir in den kommenden Jahrzehnten leben und arbeiten werden. Aber wir müssen auch weiche Faktoren wie die Nachfrage nach Vielfalt, das Qualifikationsgefälle, Unternehmenskulturen und Integrität berücksichtigen.

Selbst Entscheidungen, die früher einfach waren sind in den letzten Jahren immer komplexer geworden. Nehmen wir das Beispiel einer Einkaufsabteilung; sie entscheidet, welchen Lieferanten sie für ihr neues Produkt auswählen soll. Die Entscheidung basiert nicht mehr auf dem besten Preis und den besten Konditionen. Sie muss jetzt auch Fragen der Lieferkette, Nachhaltigkeitsaspekte und -vorschriften, den Cashflow des Unternehmens aufgrund des wirtschaftlichen Abschwungs, die sich ändernden Verbraucherwünsche und vieles mehr berücksichtigen.

Um diese herausfordernden Zeiten zu überstehen, müssen Unternehmen lernen mit Komplexität umzugehen – und diese sogar als positive Herausforderung anzunehmen. Zusätzlich müssen sie auch in der Lage sein, ihre Entscheidungen zu komplexen Themen klar und überzeugend zu kommunizieren.

Komplexität und die menschliche Natur    

Der Mensch ist nicht dafür gemacht, mit komplexen Entscheidungen umzugehen. Wenn wir mit einem Problem konfrontiert werden, sagt uns unser Instinkt, vorsichtig zu sein und erst einmal alles so zu belassen, wie es ist. „Lassen Sie das Boot nicht schaukeln“, „Wenn es nicht kaputt ist, reparieren Sie es nicht“, „Machen Sie keine Wellen“. Es gibt eine ganze Reihe von Redewendungen, die unseren natürlichen Widerstand gegen Veränderungen benennen.

Ironischerweise ist es uns Menschen gelungen, eine Umwelt zu schaffen, die eine eigene Dynamik entwickelt hat und sich so schnell verändert, dass wir bei der Bewertung und Abmilderung der Auswirkungen ins „Hintertreffen“ geraten. Diese Angst, ins Hintertreffen zu geraten, führt zu interessanten Widersprüchen wie z.B. das Plädoyer des ‚Meisterinnovators‘ Elon Musk für ein Moratorium bei der Entwicklung von LLMs, was sicherlich nicht passieren wird.    

Wann immer wir es mit bahnbrechenden Innovationen zu tun haben, gibt es Vor- und Nachteile. Die Nachteile sind inzwischen so komplex und umfangreich, dass wir einen anderen Ansatz brauchen, als nur den Status quo beizubehalten und uns an unseren zahlreichen kognitiven Verzerrungen (unconscious bias) zu erfreuen. Es hilft nichts, dass unsere Verarbeitungszeit erschreckend langsam ist, wenn wir Dinge bewusst tun, wohingegen wir viel schneller sind, wenn wir uns unseren unbewussten Vorurteilen hingeben (siehe Daniel Kahnemans Thinking, Fast and Slow). Wir brauchen andere Menschen und Maschinen, um das von uns geschaffene Rätsel zu lösen. Das wiederum erhöht die Komplexität noch mehr. Ein unendlicher Kreislauf… 

Wie man mit Komplexität umgeht   

Aber es ist noch nicht alles verloren. Wir plädieren für einen ‚Metamorphose-Ansatz‘ des kontinuierlichen Wandels, um besser mit Komplexität umzugehen und ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Stabilität und Wachstum herzustellen. Dazu müssen Sie bei sich selbst und in ihrer Organisation Fähigkeiten aufbauen und fördern, die wir als Metafähigkeiten bezeichnen, d.h. Fähigkeiten, die nicht rein technischer, sondern reflektierender und analytischer Natur sind und gleichzeitig nicht in einem rein „rationalen“ Sinne zu verstehen sind. Dies ermöglicht Ihnen, systemische Veränderungen zu bewältigen, zwischen verschiedenen Ebenen der Komplexität zu unterscheiden und geeignete Entscheidungsstile und -prozesse zu wählen, angesichts übermächtiger Herausforderungen belastbar zu sein und menschlich zu bleiben.  

Jack Ma hat sein Unternehmen „Alibaba“ von einem kleinen Start-up mit 18 Mitarbeitern im Jahr 1999 zu einem 8-Milliarden-Dollar-Unternehmen im Jahr 2015 entwickelt.

„Bei Alibaba ist organisatorische Flexibilität aufrechtzuerhalten ein Bereich, auf den wir uns intensiv konzentrieren. Aus den Erfahrungen des Unternehmens lassen sich einige Lehren ziehen. Zum Beispiel, dass es wichtig ist, die Erwartung von bevorstehenden Veränderungen von Anfang an in die Unternehmenskultur zu integrieren. „Umarmen Sie den Wandel“ ist seit den Anfangsjahren einer der sechs Grundwerte des Unternehmens.“  Der Gründer und Vorsitzende des Unternehmens, Jack Ma, betont dieses Thema regelmäßig gegenüber Mitarbeitern, Investoren und Kunden. „Im Informationszeitalter“, sagt er, „ist der Wandel das beste Gleichgewicht“.

Das sich selbst optimierende Unternehmen  

Jack Ma hat Recht, Veränderung IST das beste Gleichgewicht, aber die Notwendigkeit mit Komplexität gut umzugehen, erfordert mehr als nur die Akzeptanz von Veränderung. Der Umgang mit Komplexität erfordert nicht nur Veränderungsfähigkeit, sondern auch eine Reihe anderer Aktivitäten. Dazu gehören:

Handeln Sie mit Bedacht und nicht impulsiv. Überprüfen Sie Ihre unbewussten Vorurteile und kognitiven Verzerrungen mit Hilfe anderer Menschen und nutzen Sie unterschiedliche Perspektiven.

  • Sehen Sie den Kontext und nicht nur das Problem, vereinfachen Sie nicht zu sehr und machen Sie Dinge nicht kleiner als sie sind.
  • Beschäftigen Sie sich eine Weile mit dem Kontext.
  • Bevor Sie nach Lösungen suchen, sollten Sie sicherstellen, dass Sie die richtigen Fragen stellen.
  • Nutzen Sie Daten, KI und Rechenleistung, um wirklich zu verstehen, was vor sich geht und lassen Sie sich nicht von Ihren eigenen kognitiven Verzerrungen täuschen.
  • Leben Sie den Wandel und die Art und Weise, wie Sie wollen, dass Ihre Mitarbeiter mit Komplexität umgehen vor. Seien Sie sich bewusst, dass das schlechteste
  • All dies erfordert, dass Sie sich selbst wertschätzen – aber lassen Sie Ihr Ego vor der Tür.  

Die gute Nachricht ist: Sie müssen das nicht allein tun. Nehmen Sie Kontakt mit uns auf, um herauszufinden, wie wir Ihnen helfen können.

Effective Decision Making Must Be Connected, Contextual and Continuous (gartner.com)  

Improving Decision Making in Complexity Environment – ScienceDirect 

How the most successful companies conquer the complexity of modern work (adobe.com)  

Managing Increasing Complexity In A Growing Business (forbes.com) 

Taming Complexity (hbr.org)  

https://hbr.org/2015/06/the-self-tuning-enterprise
Diskutieren Sie mit!
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar.
Das könnte Sie auch interessieren
12
Jan
HR und Nachhaltigkeit - Das "S" von ESG gestalten
20
Apr
Zuhören
9
Sep
Ohne Digitalität keine digitale Transformation